HEFT 3
Weiterlesen
Weiterlesen
Weiterlesen
Weiterlesen
krIPU: "Prekäre Assoziationen" | 28.06.2023
Start der Arbeits- und Lesekreise | 08.05.2023
Zeitschriftenvorstellung und Umtrunk in Neukölln | 08.05.2023
4. Jahrestagung des AK Sexualitäten in der Geschichte | 15.03.2023
Studentische Diskussionsveranstaltung mit David Bell | 01.02.2023
Weiterlesen
Ausgehend von Sigmund Freuds Unterscheidung von Angst, Furcht und Schreck verbindet der Vortrag psychoanalytische Überlegungen mit Klaus Heinrichs historischer Typologie der Schreckensverarbeitung. Doomscrolling wird dabei als eine neue, digitale Stufe der Schreckensverarbeitung verstanden, in der durch die ständige Wiederholung überwältigender Augenblicke versucht wird, diese ästhetisch zu zähmen. Zentral ist u.a. Heinrichs „Sucht und Sog“. Der Sog bezeichnet, ähnlich der Sucht, die Gegenbewegung zu einer aufklärerischen Vorstellung von Begehren, die nicht auf ein Ziel gerichtet ist, sondern in der Auflösung jeden Ziels besteht. Die Metaphorik des Sogs ist laut Heinrich die des Meeres und kulturell wie mythologisch weiblich konnotiert.
Im Anschluss an eine Recherche im Rahmen des Klaus-und-Renate-Heinrich-Stipendiums soll der Versuch unternommen werden, den Sog des Schreckens anhand Heinrichs faszinationsgeschichtlicher Deutungen mythologischer Figuren - wie Medusa oder der eherne Stier des Phalaris – auf unterschiedliche Konstellationen von Blick, Körper, Gewalt und Selbstauflösung zu analysieren und durch Gemälde-Dias aus den Dahlemer Vorlesungen zu illustrieren. In Bezug auf die Gegenwart stellen sich schließlich die Fragen: Lässt sich Doomscrolling als eine spezifische Form ästhetischer Subjektivität in der digitalen Ära verstehen? Und zeichnet sich darin möglicherweise eine neue Gestalt eines ästhetischen Subjekts ab, das den Schrecken nicht bewältigen kann und sich in der endlosen Bewegung des Scrollens ewig an ihn bindet? Inwiefern ist diese Form der Schreckensverarbeitung selbst geschlechtlich konnotiert?
Weiterlesen
"Im Unterschied zu den Nachkommen der Überlebenden wissen Kinder von Tätern oder Mitläufern häufig nicht, wie ihre Vorfahren in der Zeit des Nationalsozialismus handelten. (...) wenn man sich vergegenwärtigt, dass das Kollektiv der Deutschen tendenziell die Nazi-Vergangenheit verleugnet, so wird evident, dass ein innerfamiliäres Ver-Schweigen nicht notwendigerweise auffallen muss. Die Verwirrung, die Töchter und Söhne im Durchschnitt deutscher Familien erleben, bleibt daher meist unbewusst.“
— Kurt Grünberg (1997, S.17), Schweigen und Ver-Schweigen
Laut dem Multidimensionalen Erinnerungsmonitor (MEMO, 2025) werden Wissenslücken zur familiären Verstrickung in den Nationalsozialismus besonders dann erkennbar, wenn es um das direkte Umfeld und die Familie geht: Haben Opa oder Uropa sich schuldig gemacht oder die Firma, die ihnen gehört, von der NS-Zeit profitiert? Über persönliche Verstrickungen ist den meisten immer noch wenig bekannt.
Das Ver-Schweigen in Familien von NS-Tätern und Mitläufern ist selten Ausdruck bewusster Schuld. Viel häufiger handelt es sich um ein Symptom unbewältigter Abwehrmechanismen, die sich über Generationen hinweg erhalten. Dieses Seminar möchte zur Reflexion über die psychosozialen Folgen nationalsozialistischer Verstrickungen im familiären Selbstverständnis und im kollektiven Gedächtnis anregen.
Eine Besonderheit dieses Seminars liegt im methodischen Zusammenspiel von gemeinsamer Archivarbeit und hermeneutischer Gruppenreflexion. Die Teilnehmenden werden sowohl in ihrer eigenen Recherche über ihre Familiengeschichte, als auch der Reflexion darüber unterstützt. Während sich die Forschung häufig entweder auf Archivarbeit oder eine narrativ-biografische Analyse konzentriert, sollen in diesem Seminar die manifesten und latenten Dimensionen familiärer NS-Verstrickung gemeinsam erschlossen werden. Somit wird der Erkenntnisprozess über die eigene familiäre Vergangenheit letztlich selbst zum Gegenstand der Gruppenreflexion gemacht.
Das Seminar gibt eine Einführung in die Archivarbeit. Die Teilnehmenden werden dann bei der theoretischen, biografischen und emotionalen Auseinandersetzung mit ihrer individuellen Familiengeschichte begleitet. Im theoretischen Fokus steht die psychoanalytische, sozialpsychologische und biografie-soziologische Auseinandersetzung mit der intergenerationellen Weitergabe der NS-Täterschaft – mit einem besonderen Augenmerk auf das „ganz normale“ Ver-Schweigen in Familien ehemaliger Wehrmachtssoldaten und Mitläufer.
Obwohl diese Vergangenheit in vielen Familien nie explizit thematisiert wurde, hinterließ sie – wie unter anderem Gabriele Rosenthal gezeigt hat – dennoch Spuren bei den Nachfolgegenerationen. So unterscheidet Kurt Grünberg (1997, 1998) zwischen dem Schweigen der Überlebenden – als sprachloser, affektiv aufgeladener Kommunikationsverweigerung – und dem Ver-Schweigen der Täter und Mitläufer als aktiver Normalisierung und Abwehr. Jan Lohl und Angela Moré (2014) zeigen auf, wie sich unbewusste Erbschaften des Nationalsozialismus in emotionalen Deutungsmustern und dem sozialen Habitus reproduzieren – oft ohne explizite Thematisierung. Gabriele Rosenthals biografisch-narrativer Zugang (2001) verdeutlicht, wie Täterbiographien durch transgenerationale Narrative „entschärft“ oder umgedeutet werden – etwa durch die Betonung von „Pflichterfüllung“ oder „politischer Unwissenheit“.
Wie wird NS-Täterschaft oder -Mitläufertum in deutschen Familien also erinnert – oder eben nicht erinnert? Welche Formen des Ver-Schweigens haben sich in deutschen Familien etabliert, und wie wirken sie bis heute nach? Was macht das mit den Nachkommen? Und wie lassen sich eigene familiäre Verstrickungen in die NS-Zeit und ihre emotionale Dimension in der dritten Nachfolgegeneration rekonstruieren?
Termine:
Samstag der 15.11.2025
Samstag der 17.01.2026
Samstag der 07.02.2026
Jeweils von 10 bis 18 Uhr.
Ort:
Stromstr. 2, 10555 Berlin
Der Raum für das Seminar wird den Teilnehmenden nach Anmeldung bekannt gegeben.
Teilnahme:
Begrenzt auf 15 Teilnehmende.
Eine Teilnahme von Externen (Studierenden sowie Berufstätigen oder anderen Interessierten) ist möglich.
Wir bitten um Anmeldung über folgendes Anmeldeformular→
Seminarleitung:
Nora Kühnert (M.A., M.A.), Lena Sophie Glade (M.A.)
Weiterlesen